Seerhausen

 Schlösser und Herrensitze an der Jahna

Von Otto Eduard Schmidt, Dresden

Wenden wir uns nach Staucha, kreuzen die von Döbeln nach Riesa führende Eisenbahn und erreichen jenseits derselben Hof, dessen Kirchturm und Schloß uns schon längere Zeit als Zielpunkte vor Augen stehen. Der Volksmund behauptet, der Ort habe seinen Namen davon, daß hier die Kaiser in alten Zeiten Hof gehalten hätten. Aber wir bleiben bei unserer entwickelten Ansicht und leiten die Volkssage aus der Tatsache her, daß Kaiser Karl V. 1547 auf dem Marsche zur Mühlberger Schlacht hier am 22. und 23. April rastete.



Damals füllten den "Hof" ein buntes Getümmel spanischer und italienischer Landsknechte, deutscher und romanischer Ritter und Diplomaten. Am 25. August 1790 auch laut und gewaltsam her in Hof, aber diesmal lärmte und tobte im Hofe das breite Oschatzer Sächsisch der empörten Bauern, die den damaligen Gutsherren, Grafen Rüdiger, und seinen Gerichtshalter zwingen wollten, ihnen Geld zu geben und ein Abkommen zu unterschreiben, in dem sie für sich und ihre Rechtsnachfolger "auf alle Dienste, Zinsen und sonstige Gerechtsame für alle Zeiten verzichteten".

Das Schloß besteht aus zwei von einander getrennten Teilen: dem zweiflügeligen älteren Bau aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, vermutlich von Dietrich von Schleinitz (1545 - 1612), Herrn auf Hof, Jahnishausen und Bornitz, errichtet, und dem ebenso gegliederten jüngeren Bau, der, abgesehen von dem älteren Turme (17. Jahrhundert) etwa aus der Zeit des Grafen Rüdiger stammt.

Aus dieser Epoche sind wohl auch die meisten der Sandsteinfiguren, mit denen das Treppenhaus und der Park geschmückt sind. Hof liegt in dem breiten, anmutigen Tal des Flüßchens Jahna, in dem wir nun mit dem meist in tiefem Baumschatten dahinziehenden Wasser abwärts wandern. Über Stauchitz (Schloß der Herren von Zehmen aus der Zeit von 1700 - 1708) erreichen wir das am Zusammenflusse des Staucher Wassers mit der Jahna lieblich gelegene Stösitz.

Auch hier betreten wir uralten Kulturboden. Aber mehr als die vorgeschichtlichen Altertümer, die nach dem Zeugnis des gelehrten Pfarrers Ursinus hier ausgegraben wurden (etwa 1767), fesselt uns das "Tuscukanum", das sich der musenfreundliche Hans Adolf von Carlowitz, Direktor der Ritterschaft des Meißner Kreises und adeliger Inspektor der Fürstenschule St. Afra, als Sitz seiner Studien und eines heiteren Lebensgenusses hier errichtete (1764 -1766) und das er in den folgenden Jahren mit reitzenden Gartenanlagen umgab, die sich bis in das nahe Gehölz fortsetzen. Hier ist in der Gestaltung der hohen, luftigen, lichtvollen Zimmer mit ihren geschnitzten Türen und buntgemalten Obertürstücken und kunstvoll geformten, meist vortrefflich erhalteten Kachelöfen noch einmal der ganze Reiz und die Anmut des ländlichen Rokokos entfaltet, das wenig Jahre später dem steiferen und ernsteren Klassizismus den Platz räumen mußte.



Schloß Seerhausen auf einer Fotografie von 1930. Oben ist Schloß Hof abgebildet, ebenfalls um 1930 fotografiert. Fotos: Sächsischer Heimatschutz

Ein halbes Stündchen bachabwärts von Stösitz liegt Schloß Seerhausen an der Jahna, von dem der Name sagt, daß dieses Landstück durch Sehrung, d.h. durch Verbrennung des den Bach begleitenden Sumpfwaldes, urbar gemacht worden ist. Seerhausen war Jahrhunderte lang im Besitze derer von Schleinitz. Das Andenken daran erhält besonders die eigenartige, vom Schloß getrennte Herrschaftskapelle vom Jahre 1677, die Johann Georg von Schleinitz erbaute. Seerhausen ging 1726 an den späteren Sächsischen Geheimen Rat Thomas Freiherrn von Fritsch über, der das Schloß im Innern verschönte, den Park mit den Hermen von Cicero, Horaz und Tacitus, einem Saturn von Permoser und anderen Vertretern der antiken Kultur und die Räume des Schlosses mit wertvollen Familienbildern schmückte, die ihm Anton Graff, Schenau u.a. malten.

In den Jahren 1870 - 74 wurde das Schloß für den Freiherrn Karl von Fritsch durch einen Frankfurter Architekten so gründlich umgebaut, daß von der alten Anlage nicht mehr viel zu erkennen ist. Der letzte namhafte Herrensitz im Tal der Jahna, bevor sie im Riesaer Stadtpark in die Elbe mündet, ist Jahnishausen. Der ältere Bau derer von Schleinitz ist verschwunden. Das jetztige aus zwei schräg zueinander gerichteten Flügeln bestehende Schloß stammt in seinen unteren Teilen aus dem 17. Jahrhundert, der Oberbau ist zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Besitzern erneuert worden. Im Jahre 1824 erwarb Prinz Johann von Sachsen Jahnishausen als seinen Privatbesitz. Er ließ die sehr einfachen Baulichkeiten, die seinem schlichten Wesen durchaus entsprachen, bestehen und benutzte sie mit seiner Familie besonders als Frühlings- und Sommeraufenthalt.

Hier bereitete er sich im August 1828 zu einer italienischen Reise vor, auf der er im Verein mit seinem Schwager Friedrich Wilhelm (IV.) von Preußen seine Dantestudien vervollständigen wollte. An diesen schreibt er: "Schloß oder vielmehr Garten Jahnishausen den 29. August 1828. "Unter kühlenden Mandelbäumen oder vielmehr abgeblühten Lindenbäumen schreibe ich Dir in Wonne schwimmend. Nicht ein paar Tage, sondern bis Florenz werde mit Dir reisen. Ich werde toll, wenn ich daran denke".

Ein andermal, im Frühjahr 1829 lädt er sogar seinen preußischen Schwager samt dessen Frau, der Kronprizessin Elise, zum Besuche in Jahnishausen ein. Dabei fürchtet er freilich: "ihr möchtet Euch langweilen, weil die Gegend zwar freundlich, aber nicht ausgezeichnet und die geselligen Ressourcen fern sind, zweitens mein Raum sehr beschränkt ist, ihr also schlecht wohnen würdet. Ich könnte Euch nehmlich nicht mehr denn zwei Zimmer zusammen geben" - und doch unterschreibt er sich am Schluß mit einem gewissen Stolze als "Erb-, Lehn- und Gerichtsherr auf Jahnishausen."

Was hat also den Prinzen Johann in Jahnishausen besonders angezogen? Offenbar das Fernsein von den gewöhnlichen gesellschaftlichen und höfischen Verpflichtungen und die einfache Ländlichkeit und Stille dieses entlegenen Gutes. Ein Schimmer aus dieser Zeit, in der der Prinz und spätere König Johann hier seine Dantestudien betrieb und mit den Seinen als einfacher Mensch leben wollte, ist dem schlichten Hause und den verträumten Gärten, dem dunklen Park und dem leise dahinziehenden Wasser von Jahnishausen verblieben. Auch heute noch ist das Herrenhaus von Jahnishausen ein stiller Ort, seine Zimmer dienen Erholungsbedürftigen zum heilenden Aufenthalte. (Sächsischer Heimatschutz 1932)


 
Gesprengte Geschichte-
Das Schloß Seerhausen
 
An der Kreuzung der Bundesstraßen 6 und 169 liegt im Jahnatal das Dorf Seerhausen. Schon 1170 urkundlich erwähnt, geht Seerhausen auf eine slawische Siedlung mit einer Wasserburg zurück. Der Ort hatte seit der Besiedlung durch germanische und slawische Stämme immer eine strategische und verkehrspolitische Bedeutung. So ließen sich im sumpfigen Gebiet der Jahna-Aue gut befestigte Schutzanlagen mit einem System von Wassergräben anlegen. Gleichzeitig sicherte und kontrollierte man mit der Anlage die Straßenfurt durch die Jahna. Diese Straße, auch "Hohe Straße" genannt, führte von Oschatz kommend über Seerhausen bis nach Boritz/ Merschwitz, um dort die Elbe zu überqueren.

 
So ist es nicht verwunderlich, daß die Landesfürsten die Ritter von Seerhausen mit umfangreichen Ländereien belehnten. Die "Neue Sächsische Kirchengalerie" nennt für den Ort "Seerusna" (der Name änderte sich oft) als ersten Besitzer von 1221 bis 1260 den Ullrich von Seerhausen.
 
Im Jahre 1293 übernahm Heinrich I. von Schleinitz das Anwesen. Dieses Geschlecht schuf dann in den folgenden Jahrhunderten die ersten Schloßbauten. Im Jahre 1688 ging der Besitz über die Erbtochter an den Schwiegersohn Christoph Dietrich von Bose über. Da diese Ehe kinderlos blieb, wurde der Besitz im Jahre 1728 an den Freiherrn Thomas von Fritzsch verkauft. Nachdem das Schloß vorher im Laufe der Jahrhunderte schon einige Umbauten erfahren hatte, entstand nun aus dem "unwirtlichen Kasten" (so nannte man es seinerzeit) ein bewohnbares Schloß.
 
Nach Plänen des bekannten Frankfurter Architekten Heinrich Burnitz erhielt es von 1870-74 seine uns heute noch bekannte Gestalt. Den Turm als ältesten Teil des Schlosses bezog man in dei Umbauten mit ein. Erhaltene Kreuzgewölbe gingen auf die in vorreformatorischen Zeiten noch innerhalb des Schlosses befindliche Schloßkapelle zurück. Am Ende des zweiten Weltkrieges wurde das Schloß durch Beschuß beschädigt. Nach der Enteignung diente es zunächst Umsiedlern als Unterkunft. Betritt man heute den Park vom Ort her, dann liegt vor dem Besucher ein Kleiner Hügel. Unter diesem bepflanzten Hügel liegt Geschichte begraben - die Trümmerreste des 1949 gesprengten Schlosses Seerhausen. Viele berühmte Persönlichkeiten weilten im Laufe der Jahrhunderte in Seerhausen. Der bereits genannte Freiherr Thomas von Fritsch ging als sächsischer Unterhändler beim Abschluß des Hubertusburger Friedens in die Geschichte ein. Er war mit Friedrich dem Großen befreundet, dessen Nachkommen auch von Besuchen des großen Preußen in Seerhausen berichteten. Wenig vom Schloß und dem Park dürfte hingegen Napoleon mitbekommen haben, als er in der Nacht vom 7. zum 8. Oktober 1813 auf dem Weg nach Leipzig im legendären Stuhl des Seerhausener Rittersaales rastete.

 
Sächsische Landesfürsten hielten sich bei Durchreisen ebenfalls zu einem Besuch im Schlosse auf. Man schaute in Seerhausen auch deshalb gern vorbei, weil es einen schönen Park besaß. Der botanisch interessierte Goethe soll sich in Seerhausen das seltene Exemplar eines Ginkgobaumes angeschaut haben.
 
Den Park konnte man 1949 zum Glück nicht sprengen. C. Dietrich von Bose ließ ihn 1695 im holländischen Stil errichten. In der Mitte des 18. Jahrhunderts gestaltete man den Park im französischen Stil um. Versumpfte Wassergräben wurden verfüllt, die Anlage großzügiger gestaltet. Viele Plastiken, darunter die des Saturn von Balthasar Permoser, bereicherten den Park.
 
Die heutige Anlage egeht auf eine erneute Umgestaltung im Stile der Romantik im 19. jahrhundert zurück. Sie lädt den Erholungssuchenden weitab der großen Touristenströme in einen geschichtlich doch so bemerkenswerten Landstrich ein.

 
Text:Heinz Flegel
Aus: "Der Heimatbote - Ausflüge in Kultur und Geschichte zwischen Elbe und Mulde" Heft 14, 1999
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