Muskelmobilität


Kopenhagen macht es allen vor: Die dänische Hauptstadt will schon bald den gesamten Autoverkehr aus der Innenstadt verbannen und den äußeren Ring weitestgehend frei von Personenkraftwagen halten. Dafür soll der Radverkehr einziehen. Schön auch hier die direkte Willensbekundung, den Alltag mehr und mehr mit Rad zu bewerkstelligen, am Slogan "Wir radeln zur Arbeit" überdeutlich festzumachen. Kopenhagen will noch mehr, die Riesenstadt will ökologischer, menschenfreundlicher werden. Ohne Zweifel ist es schon heute so, vergleicht man andere westeuropäische Großstädte mit der postskandinavischen Perle. Daß es auch in Deutschland funktionieren kann, zeigt uns Münster in NRW. Dort fährt man fast nur noch mit dem Rad zur Arbeit, erledigt Einkäufe und erreicht die schönen Auenlandschaften im Umfeld der Stadt superbequem mit dem Fahrrad. Auch hier wunderbar zu sehen, wie sehr Lebensqualität und Ökologie einander bedingen, wie gut man in einer Stadt leben kann.

Ganz anders geht es hier in Sachsen zu. Keine Spur nachhaltiger Konzepte für den innerstädtischen Verkehr, zugestopfte Innenstadtareale, die eigentlich einem fußläufigen Stadtmenschen zustünden. Der muß sich hüten, vor unvernünftigen Autofahrern, die immer nur auf ihr Recht pochen, überall hin zu fahren, überall reinzufahren. Dabei ist doch schon jetzt klar, daß es in vielen Innenstädten schon gar keine vernünftige Alternative zum Auto geben kann, weil die Infrastruktur ausnahmslos autogerecht gemacht wurde. Radfahrer und Fußgänger erleben oft die direkte Konfrontation mit Autofahrern, die die Innenstädte zuparken und die Atemluft immer mehr verpesten.

Am Beispiel Döbeln und anderen Städten in Mittelsachsen lassen sich sehr bildhaft fortschrittfeindliche Verbauungen öffentlicher Räume sehen. Die Stadtväter und Mütter bekommen es nicht auf die Reihe, eine radfreundliche Infrastruktur auf die Beine zu stellen. Man spricht nur von Radwegen, man baut sie auch, jedoch vergisst man die Hauptsache: Die Städte lebenswerter zu machen und auf Muskelmobilität zu setzen, so wie es bereits viele Städte in Deutschland tun. Man hat immer den Eindruck, daß hier ein Dornröschenschlaf geschlafen wird und alles ringsumher längst viel weiter ist als die Rosenburg.

Freilich müssen sich die Verantwortlichen in den Städten darüber im Klaren sein, daß ihre Orte nicht oder kaum für den Autoverkehr angelegt wurden und heute ganz einfach zuviel mit dem Auto gefahren wird. Es ist nicht genügend Platz vorhanden für PKWs. Wie grausam doch die Innenstädte durch den Autoverkehr vergewaltigt werden! Was anderes ist das nicht. Zumal den Menschen einer Stadt klar sein müßte, wie teuer der Autoverkehr für eine Stadt zu stehen kommt. Den Bürgern vor allem selbst!

Mit dem Rad zu fahren ist nicht nur ein schönes und tolles Lebensgefühl, Rad fahren bringt viel mehr und ein besseres Lebensgefühl in die Stadt, schont Ressourcen und spart Platz. Nicht zuletzt wird etwas für den Umsatz in den Städten getan. Dies und noch viel mehr bedeutet die neue Radmobilität. Jetzt liegt es an den Stadtvätern und Müttern, gang- und fahrbare Konzepte für die Innenstädte zu erstellen. Besser  ist es, wenn sich die Damen und Herren selbst mit dem Fahrrad aufmachen, sich dem Anliegen an frischer Luft zu öffnen. Uwe Reinwardt

Gut für Geldbeutel und Gesundheit

Immer mehr Berufspendler steigen aufs Fahrrad um / Firmen motivieren Mitarbeiter für Nutzung

Streiks bei der Bahn, Verspätungen im Nahverkehr, überfüllte Straßen und Staus- es gibt viele gute Gründe, das Fahrrad einem anderen Verkehrsmittel vorzuziehen. Immer mehr Berufstätige sehen das offenbar ähnlich, denn die Zahl der radelnden Pendler steigt. Rund zwei Millionen Menschen in Deutschland nutzen nach Angaben des Instituts für Verkehrsforschung im Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) das Fahrrad täglich für den Weg zur Arbeit. Diese jüngste Erhebung stammt aus dem Jahr 2008. "Im Vergleich zur vorherigen Studie von "002 entspricht das einem Plus von 1,4 Prozent", erklärt die Untersuchungsleiterin Katja Köhler.

Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) beobachtet ein wachsendes Interesse der Pendler am Fahrrad: "Berufstätige erkennen zunehmend, daß es auch finanziell sehr attraktiv sein kann, das Rad zu nutzen", sagt Verkehrsreferent Wilhelm Hörmann. Die Anschaffungskosten hätte man angesichts der Benzinpreise schnell wieder eingespart. "Besonders bei den Entfernungen bis sieben Kilometer steigen Pendler vermehrt aufs Fahrrad", hat Hörmann beobachtet. Wer jeden Tag gut zehn Kilometer mit dem Auto zur Arbeit fährt, muß dafür pro Jahr allein Spritkosten in Höhe von Rund 600 Euro kalkulieren. "Soviel kostet hier in Frankfurt auch eine Jahreskarte für Bus und Bahn- ich bekomme aber auch ein schönes Fahrrad dafür", gibt Nobert Sanden, Geschäftsführer des ADFC Hessen, zu bedenken. Sanden betreut seit 2002 das Projekt "Bike+Business", das im Zuge des Nationalen Radverkehrsplanes im Rhein-Main-Gebiet ins Leben gerufen wurde. Die Aktion zielt darauf ab, mehr Pendler aufs Rad zu bringen. "Wir sprechen direkt die Firmen an und wollen erreichen, daß das Thema Fahrrad im Mobilitätsmanagement berücksichtigt wird", erklärt er. Die Angestellten sollen möglichst ihre Autos zuhause stehen lassen. Wer weite Entfernungen zurücklegen muß, bekommt Tipps, wie sich die Nutzung von Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln am sinnvollsten kombinieren läßt. 18 Unternehmen und Stadtverwaltungen mit insgesamt rund 40 000 Beschäftigten nehmen aktuell am "Bike+Business"-Programm teil. Einer dieser Betriebe ist die Ericsson Telekommunikation in Frankfurt-Main. "Bei uns machen inzwischen 50 Mitarbeiter mit", sagt Doris Spohr von Ericsson. 2009 hat sich das Unternehmen in das Projekt eingeklinkt und seitdem zum Beispiel Fahrradständer und Umkleidekabinen für die radelnden Angestellten geschaffen. Spohr ist überzeugt, daß noch weit mehr der 500 Kollegen aufs Rad umsteigen würden- wenn es weitere Anreize gäbe. Auch Daniela Hinkel vom Frankfurter Reiseveranstalter DER denkt über eine stärkere Förderung der Fahrradmobilität im Unternehmen nach. "Nur rund 100 der 1200 Kollegen kommen derzeit regelmäßig mit dem Rad. Wir haben aber festgestellt, daß 40 Prozent aller Mitarbeiter im Umkreis von 10 Kilometern leben", so Hinkel. Jetzt überlegt DER, etwa durch kostenlose Fahrrad-Checks oder die Verlosung von Fahrradzubehör mehr Mitarbeiter zu motivieren. "Sicherlich wäre es auch gut, wenn das Management radelnd mit guten Beispiel vorangehen würde", sagt Hinkel. Das Hauptargument der Fahrradfahrer sei eine Mischung aus finanziellen und gesundheitlichen Gründen. Wie gesund Radeln tatsächlich ist,, hat Ingo Froböse von der Sporthochschule in Köln untersucht. Zahlreichen Alltagsbeschwerden könnten dadurch vorgebeugt werden, erklärt der Professor: "Rückenschmerzen entstehen zum Beispiel durch Bewegungsmangel. Die Bandscheiben werden dann nicht mehr optimal versorgt und können nicht mehr so funktionieren, wie sie sollen. Fahrradfahren stärkt die gesamte Rückenmuskulatur, wodurch die Wirbel stabilisiert werden". Mit dem Rad zur Arbeit zu fahren biete eine optimale Möglichkeit, die sitzende Tätigkeit im Büro auszugleichen. Bereits von kurzen Strecken laut Froböse der Kreislauf: "Radfahren kann das Herz-Kreislauf-System in vielerlei Hinsicht verbessern, vor allem arbeitet es dann ökonomischer." Außerdem hätten Radler weniger Probleme mit Bluthochdruck.

Während in vielen Unternehmen immer stärker auf die Wünsche der Fahrradfahrer eingegangen wird, sieht der ADFC in der Infrastruktur noch erheblichen Nachholebedarf. "Grundsätzlich ist der Norden Deutschlands besser mit Radwegen ausgestattet als der Süden", stellt Hörmann fest. Viele Radwege seien aber nicht für schnellere Fahrräder wie die immer populäreren E-Bikes ausgelegt.

In diesem Segment verzeichnete der Zweirad Industrieverband (ZIV) 2010 ein Plus von rund 33 Prozent auf 200 000 verkaufte Exemplare. Stephan Schreyer vom ZIV glaubt, daß sich künftig verstärkt Pendler für die Räder mit elektrischem Zusatzantrieb interessieren werden: "Denn wer etwas weniger schwitzen will und trotzdem schnell ins Büro möchte, für den ist das E-Bike ideal." Claudius Lüder (Quelle: "Leipziger Volkszeitung", 11. April 2011)

Pendeln über unsichtbare Grenzen...
Seit fünf Jahren pendelt Katrin Thümmler zwischen Freiberg und Tharandt. Die 24 Kilometer legt die wissenschaftliche Mitarbeiterin der TU Dresden oft mit dem Zug zurück. Im Sommer nimmt sie auch ihr Rad mit, um schneller da zu sein. Das Problem: Arbeits- und Wohnort liegen in unterschiedlichen Verkehrsverbünden. Demnach gelten verschiedene Tarife.

90 Euro im Monat fürs Ticket

Während die Mitnahme des Rades im Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMO) nichts kostet, ist das im Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) dagegen nur mit einer Zeitkarte der Fall. Sonst werden zusätzlich 15 Euro im Monat fällig. Doch für eine Zugfahrt von einem in den anderen Verbund sind die Einzeltickets wiederum ungültig. Grund: Bei Fahrten über die Grenze gilt das Tarifsystem der Deutschen Bahn. Und das ist teurer als die Verbundtickets. So verlangt die Bahn für die Mitnahme eines Rades 4,50 Euro pro Tag, auch wenn Katrin Thümmler nur zwischen den Grenzstationen Klingenberg-Colmnitz und Niederbobritzsch fahren würde. Das sind immerhin 90 Euro im Monat. Zum Vergleich: Ein Monatsticket pro Person bei der Bahn kostet 111 Euro.

Dabei habe sie lange Zeit nichts für das Rad zahlen müssen, sagt die 46-Jährige. Vermutlich aus Kulanz, denn normalerweise gilt das als Schwarzfahrt und hat ein Bußgeld von 40 Euro zur Folge. Inzwischen musste auch Katrin Thümmler zahlen. Seitdem bleibt das Rad zu Hause stehen. "Das ist mir der Spass nicht wert", sagt sie. Aber an den Bestimmungen will die Deutsche Bahn nichts ändern, nimmt stattdessen die Verkehrsverbünde in die Pflicht. Schließlich gibt es Lösungen, wie in Thüringen oder Sachsen Anhalt. Auch hier bestehen mehere Verbünde, nur haben die sich auf ein Tarifsystem verständigt. Somit können die Räder kostenlos mitgenommen werden. So eine Regelung wünscht sich Katrin Thümmler auch für Sachsen und würde dafür sogar etwas zahlen. Unterstützung bekommt sie vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) in Sachsen, der die Kompliziertheit mit der Kleinstaaterei begründet. "Derzeit muss man mindestens einen Grundkurs, wenn nicht gar das Ticketkauf-Abitur absolviert haben, um sein Fahrrad bei Fahrten über die Verbundgrenzen hinweg mitzunehmen", erklärt Ulrich Skaruppe, Vorsitzender des Landesverbandes. So fordere der ADFC nicht einmal die kostenlose, sondern eine preiswerte Mitnahme, verbunden mit guten Abstellmöglichkeiten und Parkhäusern für Fahräder.

 

Neuer Verkehrsvertrag nötig

 

Im Schreiben an die Verbünde und Deutsche Bahn haben sie auf die Problematik hingewiesen und Änderungen gefordert. Bisher mit wenig Erfolg. Immerhin konnte sich der VVO mit dem Verkehrsverbund Oberlausitz-Nierderschlesien auf einen grenzübergreifenden Tarif einigen. So einer ist auch mit dem VMS geplant. Allerdings muss dafür der Verkehrsvertrag geändert werden, der Ergebnis einer neuen Ausschreibung ist. Dies sei für die Bahnstrecke zwischen Dresden und Zwickau erst 2015 vorgesehen, so VVO-Sprecher Christian Schlemper. Thomas Christmann, "Sächsische Zeitung" vom 23. 11. 2011 

 

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