Lommatzscher Pflege

 Licht und Schatten einer Region
Neulich zog ich mit dem Fahrrad meine Kreise durch's malerische Lommatzscher Land, 
auch Pflege genannt. Dieser Landstrich hat Potenzial, heißt es auf einschlägigen Internetseiten, welche die Region gerne als eine besonders besuchenswerte aufhübschen wollen. Solang gehe ich mit, dass diese Landschaft andere Augen verdient als nur die täglichen flüchtigen Blicke zur Straße hin. Man denke nur an die hübschen Dörfer mit ihren sehr gepflegten Kirchen, den Gärten und Vorhöfen, dieses sanfte Gestade zwischen den Hügeln, dem Ketzerbachgrund und der Jahna, Nossen im Süden, Riesa im Norden. Als einzigartige Kulturlandschaft bildet die Lommatzscher Pflege einen zusammenhängenden Lebensraum, einst als solcher Lebensgrundlage für viele, heute partikular von wenigen Agrarunternehmen auf riesigen Schlägen beansprucht, mit den Überbleibseln aus längst vergangenen Tagen, dem Ruß des Sozialismus, national und marxistisch angestaubt, riesige bittere Kontraste dem Betrachter ins Auge stechen. Der Niedergang ganzer Landstriche seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beschleunigt sich heute zusehens, besonders gut zu beobachten in der Pflege. Allerdings bietet sich, wie schon gesagt, ein gespaltenes Bild: Auf der einen Seite Glanzlichter, auf der anderen regelrechtes Elend. Also ob die Tourismusverbände genau dies im Auge hätten, preisen sie eine Region an, die dem Gast unwirklich vorkommen muss, obwohl der Reiz im Detail versteckt liegt. Lange muss man, und dies ist ein deutlicher Pluspunkt, nicht suchen, um die Schätze der Pflege zu Gesicht zu bekommen. 

Leider ist's bis heute nicht gelungen, dem Wanderer oder Radler aus "fernem" Lande ein Schild, ein Hinweis auf die Örtlichkeiten vor die Nase zu setzen. Kein einziges Schild verweist auf die Lommatzscher Pflege als eine Besonderheit, der Toskana Deutschlands. Viele Anwohner bieten neuerdings Gästezimmer und Übernachtungsmöglichkeiten, Sitz- und Pausengelegenheiten. Nicht zu vergessen die kleine Kneipe hinter der Straße, abends geöffnet, tagsüber provisorische Gaststätte. Dieses Engagement ist sehr lobenswert, macht es doch dem Charme einer Landschaft aus. Freilich ist die Region sehr ländlich geprägt und dies ist ein Plus. Die Nachteile dürfen nicht verdrängt werden, solange Einzelinteressen die der anderen buchstäblich im Wege stehen. Weigert sich doch die Bauernschaft mit Händen und Pflügen, neue Radwege, oder eine neue Radtrasse auf der alten Reichsbahnstrecke Riesa-Nossen entstehen zu lassen. Schade! Uwe Reinwardt

Dieser Landstrich hat seinen Namen nur auf der Karte, wenn überhaupt. "Lommatzscher Pflege" lese ich, ein netter Bogen in der Landschaft zwischen Döbeln und Meißen, vielleicht noch ein Stück darüber hinaus. Wie wär's mit einer Radfahrt in die Toskana Deutschlands?Ich muss zugeben noch nie dort gewesen zu sein, ich meine in der Toskana. In der Pflege schon. Meist durchgefahren. Doch nie durchkreuzt, schon gar nicht mit dem Rade. Also rauf auf den Drahtesel und ab in die Lommatzscher Pflege. Tatsächlich ist nirgendwo ein Hinweis, eine Tafel oder gar ein Schild zu sehen, welches auf die hübsche Landschaft hinweist.Heute bin ich ein Tourist auf dem Fahrrad, gebe mir Mühe dabei, langsam zu sein. Eine Stunde genügt bereits, die gesamte Pflege mit dem Rad zu durchfahren, vom "Einstieg" in Auterwitz bis nach Meißen an der Elbe. Diese zart geschwungene Landschaft mit ihren zahllosen Pappeln, die aus der Weite gesehen wie Pinien in der Toskana anmuten, der braunrote beackerte Boden, der nur bei bewölktem Himmel schattiert rötlich schimmert, sonst im landwirtschaftlichen Einerlei eher grau scheint, würde viele Menschen erfreuen, sollten sie sich eines Tages hierher verirren.Touristische Grauzone allerdings, ohne Schild und Tafel, ohne Wegweiser und gezeigter Gastlichkeit. Auf der S32, die Döbeln mit Lommatzsch verbinden soll, kursieren Schlaglöcher. Für uns Radfahrer Erinnerung, dass es viel bessere Straßen gibt, auf denen keine Gehirnerschütterung droht. Einige der schmalen Straßen, die links und rechts von der S32 abgehen, gleichen Flickenbänder, die nur langsam befahren werden können.
Aber wir wollten ja ohnehin langsam reisen. Ich folge nun dem Hinweis nach Schleinitz, dem Ort mit dem gleichnamigen Schloss. Die Felder ringsum sind fast alle abgeerntet, Mais, Raps, Senf und wieder Mais. Monokultur auf einer Krume, die mit zur besten des Landes zählen darf. Früher wurden hier Hackfrüchte angebaut, die dann auch gleich in die Läden kamen.Heute wird hier nur noch angebaut und abgeräumt, Masse gemacht. Hin und wieder Fleckvieh, still und unbekümmert auf sattgrüner Flur. Schnell von A nach S, überall gackern Hühner, trompeten Flattertiere Willkommensfanfaren. Beinahe idyllisch. Schöner Schein unter Sonnenschein. Zwischen grauen eingefallenen und sicher auch verlassenen Höfen lugen modern sanierte Flecken, unwirklich und doch real: Gießkannenpolitik.Das wuchtige Schleinitzer Schloss macht etwas her, hier kann man getrost verweilen. Es ist allerdings auch der einzige Ort in der Lommatzscher Pflege, der touristischen Charakter hat, Dorfkirchen und beschauliche Höfe fristen hier einen Dämmerschlaf. Wobei diese Dorfkirchen mit ihren Hauben und Spitzen einen ganz besonderen Reiz haben.
In Schleinitz kann man einkehren und auch übernachten, was woanders ein Problem werden dürfte. Die kleine Dorfschenke gibt es nicht mehr und auch der Dorfkonsum hat sein Leben ausgehaucht. In Leuben komme ich bei Schmittchens vorbei, Obst und Gemüse, Geschenkartikel.Etwas Wegzehrung, ein kurzes Gespräch. Früher war alles besser, sagt der nette Verkäufer, wir hatten alles am Ort, was gebraucht wird. Jetzt soll auch noch die Sparkassenfiliale zugemacht werden. Protest am Ort, ein Plakat kündet vom Bürgerzorn, der hier umgeht. Bei Schmittchen gibt es dann doch Gemüse aus dem eigenen Garten, leckere Tomaten, Direktvermarktung.Die wenigen Bauern, die die Pflege beackern, sorgen fürs Große und Ganze, nicht aber für gesundes Obst und Gemüse direkt vom Feld. Agrarkapitalismus zerstört diese Landschaft und auch die Menschen hier. Ich fahre durch den Grund des Ketzerbachtales in Richtung Elbe. Alte Obstbäume winken mir matt zu, sie sind dieses Jahr randvoll und schwer beladen.

Liebliche Schwingungen, Mäanderkreisel, der Ketzerbach macht Krach. Gibt es die ultimative Pflegelandschaft? Kann sein. Ich wollt ja schon immer mal hierher kommen, um vielleicht einen Kalender zu machen. Es ist schön hier, eine idyllische Einöde. Wozu Begriffe ratschen?In Zöthain steht ein Führerhaus einer einst großen Erntemaschine irgendwo am Schnittpunkt des Dorfes, merkwürdiges Gestade. Dann doch die Bilder, die ich suchte: ein Baumhaus, verwinkelte Streuobstwiesen, eine Sommerlaube am Hang. Hoch droben auf dem Hange sehe ich die Turmspitzen von Meißen, von Lommatzsch und die hohen Windräder bei Mochau. Auch hier keine Wegweiser, Feldwege und Stacheldraht. Mit dem Rennrad kaum zu befahren.Heute ist Ostwind und man kann tatsächlich die Elbe riechen. Einige wenige Pedalumdrehungen weiter, westwärts dann, erreiche ich Lommatzsch, die ultimativ sächsische Provinzstadt und Herz der Pflege. Schwere LKWs wälzen sich durch zu enge Straßen, wenig Geschäftigkeit. Aus dem Schulgebäude direkt an der Stadtkirche dringt Kindergeschrei, Spatzenlärm unterm Schnittholz.
Viele kleine Nettigkeiten, Wagnisse, Sanierungen. Und doch auch hier der Geruch des Stillstandes, des Verfalls. Hinterhöfe verdecken die Sicht zum Kirchturm, alte Erinnerungen an DDR-Zeiten werden wach. Eine Stadt wie Lommatzsch kann ihre jüngste graue Vergangenheit nicht leugnen. Doch sehe ich Zeugnisse aus längst vergangenen Tagen, die freilich verblichen, immer noch Anmut und Eleganz in sich tragen.Die Pflege hat bessere Tage gesehen, dies wird immer wieder deutlich. Auf meiner Fahrt durch die Pflege dann doch wieder Gedanken, warum sich der gute Geist nicht durchsetzen kann, anstelle der Globalisierung. Und doch genieße ich diese wunderbare Landschaft, fahre mindestens noch weitere 100 Kilometer kreuz und quer durch die Pflege. Bis ich wiederkomme.
 
Uwe Reinwardt
 
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