Jahnatalradroute

 
Als ich den Jahnatal-Radweg das erste Mal befuhr, beschlichen mich die ersten Eindrücke wie ein Abenteuer: Für gewöhnlich, so denkt man, möchte ich von A nach B kommen, ohne dabei auf wesentliche Hinternisse zu stossen. Damals fuhr ich den Radweg, weil ich vom Autoverkehr unbehelligt von Döbeln aus nach Riesa kommen wollte. Das gelang mir gleich mal nicht, zumindest das erste Mal. Nun, ich hatte es nicht eilig, doch war ich einigermaßen beunruhigt darüber, dass ich zur Winterszeit eben nicht nach Riesa gelangte. Grund war der aufgeweichte Zustand des Weges, nachdem es wochenlang geregnet hatte. Tatsächlich ist dies ein Hinderungsgrund, aber im dritten Anlauf dann kam ich an die Elbe in Riesa. Nach einigen Flüchen und Selbstvorwürfen war ich überrascht, ja sogar höchst berauscht, was sich dem Radfahrer oder dem Läufer für ein wundervolles Naturbild bietet, egal auf welchem Abschnitt man unterwegs ist. Wer dafür nicht offen ist, wird sich eher nur wundern, und selbst dann trifft es einen unvermittelt: Für die großartige Natur und Landschaft der Jahna-Aue zwischen Seerhausen und Riesa sollte das kleinste Empfinden hinter hektischer Betriebsamkeit zum Innehalten anregen, um sich dieser Kulisse nicht leichtfertig zu entziehen. Hier scheint es, als ob die Zeit stehen geblieben wär, grad so zwischen Bundesstraße und Eisenbahnstrecke. Wenn die Züge vorbeiziehen ist's wie im Hintergrund, um eben nicht völlig aus der Zeit zu fallen.
So will ich nicht übertreiben, den Jahnatal-Radweg als einen magischen Pfad zu bezeichnen, - das ist er mit Sicherheit! Wer für Flora und Fauna besonders empfänglich ist, wird hier, zwischen Zschaitz und Riesa, voll auf seine Kosten kommen!
 






Geradewegen macht sich das kleine Bächlein Jahna in Großsteinbach auf die Reise, um nach etwa 36 Kilometern in der riesigen Elbe aufzugehen. Wer nachrechnen möchte, wie lange das Wasser benötigt, bis es in die Elbe gelangt, wird wohl Schwierigkeiten haben. Bei genauer Betrachtung wird man auf etwa einen Tag kommen...
 



So lang benötigt ein kleines Papierboot, wenn es direkt an der Quelle der Jahna anvertraut würde, bis zur Elbe. Auf dem Rad sollte es schneller gehen, selbst zu Fuß. Wobei ein Fußmarsch wesentlich mehr Anstrengungen abverlangt als die Fahrt mit dem Rad. Für Eiferer ist die Jahnatal-Tour kein Ereignis, im Eiltempo verliert sich jeder Reiz. So ist die Tour zwischen Zschaitz und Riesa etwas für Menschen, die sich der Schnelligkeit, der Schnelllebigkeit entziehen wollen. Und das sollte hier gelingen!
 



Wie schon die Jahna, mäandert der Weg entlang der Bach, manchmal verschwindet das Wasser, um gleich wieder ganz nah dem Auge und Ohr zu sein. Zahllose Weiden und Pappeln prägen das Gestade, das sanft geschwungene Tal der Jahna-Aue. Immer wieder kreuzen Wege und Straßen, es geht an Gärten entlang, über schmale Brücken aus Holz oder Stein. In der Ortslage Zschaitz führt uns der Pfad direkt am Fußballplatz vorbei, ehe unversehens grüne Wiesen Fleckvieh grüßen lassen.
 


Wer der Beschilderung folgt, muss sich vorerst keine Sorgen machen, in Weidezäunen hängen zu bleiben. Doch wird Aufmerksamkeit abverlangt, um nicht auf Abwegen zu geraten. Über Ostrau hinaus folgen wir dem Weg entlang an Pappelhainen, Wiesenstücken, geheimnisvollen Kopfweiden und gepflegten Gartengrundstücken. Hier wohnt die Ruhe...
 
 


Links und rechts intensive Landwirtschaft, es ist eine ländlich geprägte Region. Immer wieder enge Biegungen, Durchfahrten, Gartenzäune, schmale Brücken. Schnell befindet man sich auf der Straße in Jahna-Pulsitz, um dann dank der Beschilderung wieder schnell auf den "Pfad" zu kommen. In Pulsitz ruht ein großes altes Holzfass, der einzigen "Gurken-Tankstelle" Deutschlands...



Die Ortschaften Stauchitz und Hof sind gepflegt, wir Radler müssen aber auch in diesen Ortschaften besonders aufpassen, um nicht die Schilder zu verlieren, worauf "Jahnatalradroute" zu lesen ist. Zuweilen gibt es Schilder, die uns eher verwirren, wie eben die in Stauchitz: Jahnaweg...
 
Längst ist aus dem kleinen Bächlein Jahna mindestens ein stattlicher Bach geworden, der gern zum Fluss werden will. Über Wehranlagen, Sperren, gemauerten Einfriedungen und schnellen Nebenkanälen wird das Wasser der Jahna lauter. Wir queren die Bundesstraße B 169, müssen höllig aufpassen!


Spätestens hier zeigt uns der Verkehr den Finger, eilig weiter, um gleich wieder in die offene Landschaft der Jahna-Aue zu fallen. Der Weg ist schmal und trotz Feuchte gut zu befahren. Einige Stücke mögen dem verwöhnten Stadtradler Kopfschmerzen bereiten, letzterer sollte aber beherzigen, dass dieser Radweg inmitten einer äußerst schützenswerten Umgebung verläuft und jeder Gedanke an eine EU-Normbreite sich wie von selbst verbietet.
 




Schließlich verläuft der Pfad durch kleine Auwäldchen, die für sich schon überaus reizvoll sind. Der Weg schlängelt sich durch den Baumbestand, beinahe so, als wolle man uns sagen: Hier geben wir den Ton an.
Vor allem die Richtung! Wieder queren wir die Jahna mehrfach, halten auf Seerhausen zu. Hier gibt es einen sehr schönen Stadtpark, der zum Verweilen einlädt. Wer Zeit für Schautafeln mitgebracht hat, kann sich im Hartholz über die örtliche Tier- und Pflanzenwelt informieren.
 


In alle Richtungen gesehen gibt es immer wieder Anhaltspunkte für das Auge,
ob beschauliche Gutsanlagen wie die des Hofgutes Hof, oder kleine und große Dorfkirchen wie die von Bloßwitz, sollte man sich vom Radweg entfernen. Man möge sich der Moderne zugeneigt fühlen, oder der neuen Zeit. Mit Umsicht behaupte ich, dass diese Ecke Sachsens schon bessere Zeiten erlebt hat. Freilich ist der Zeitlose heute ein Anachronismus, auch der, der auf dem Lande wohnt... Der Reiz der Landschaft liegt im Überlieferten, im Natürlichen und weniger der heutigen Geschäftigkeit. Industrie und Verkehr haben der Landschaft nichts Gutes gebracht.
 

 
Dass wir die vielbefahrene B 6 queren müssen ist ärgerlich und gefährlich dazu! Eine Lösung für dieses Problem ist wohl nicht in Sicht, eine Unterführung könnte durchaus eine Option sein. Unsere Jahna ist, sofern in Sichtweite, nun deutlich breiter geworden, nimmt sich Raum. Ihre "Schlängellinie", ihr Mäandern hat über die Jahrhunderte einen Naturraum geschaffen, wie er schöner nicht sein kann. Wie würde es hier wohl aussehen, gäbe es den Menschen nicht...?
 


Nachdenken über Kulturlandschaften...
Aber hier auf dem Weg nach Riesa verlieren sich die Gedanken schnell, hin und wieder kommt der eine oder andere Läufer in die Quere, sonst ist nur der Pfad da. Der Abzweig nach Jahnishausen läßt deuten, dass es bis Riesa nicht mer weit ist. Jahnishausen ist eine Perle der Perlenkette Jahnatalradweg. Im Schlosspark, den wir gezielt ansteuern müssen, greift uns Zeitlosigkeit an, noch viel deutlicher als auf der Strecke. Bänke und Wiesen wollen besetzt werden, schattige Kühle hinter Schlossmauern. Ehrwürdig erscheint das alte Schloss Jahnishausen, es ist in einem bemitleidenswerten Zustand. Auch hier wieder mein Spruch: Es hat schon bessere Zeiten erlebt!
 


Fast, so meine ich, kann man jetzt die Elbe riechen, Riesa ist fast in Sichtweite. Ein Kirchturm ist auszumachen, versteckt hinter großen Bäumen, die wie hier am Weg das Bild dieser offenen Landschaft ausmachen. Hohe Pappeln, die wohl in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gepflanzt wurden, wirken wie Riesen. Der Weg ist matschig und ausgefahren, immer wieder schlängelt sich die Strecke um und durch Baumgruppen, einmal muss ich absteigen...
 


Jetzt plätschert die Jahna über als Fischtreppe angelegte Steine, links Neubaugebiete und Industrieanlagen, wir sind in Riesa! In Poppitz über die Straße und hurtig ins Gewühl bis nach einigen Minuten die Elbe zu sehen ist. Hier ist Schluss, denke ich und lege eine Pause ein. Zurück fahre ich genau wieder diesen wunderbaren Weg, herrliche 27 Kilometer!
 
Uwe Reinwardt (Text & Fotos)
 
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