Bruder Baum


Stand einer großauf am Wegesrand, seine Arme musikalisch fauchend im Wind, riesengroß: Siehe da, ein Eichbaum! Seltener hier, Eichen mögen denn keine feuchten Füße. Im Revier zwischen Ostrau und Riesa sieht man einige Prachtexemplare, einige von ihnen wohl über dreihundert Jahre alt. Was sie wohl zu sagen haben? Ich glaube nicht sagen, raunen eher, bei Stille vom Munde her. Wenn der Wind geht, zauseln mir die Jahrzehnte durch die Finger, solang braucht's, bis ein Ast vom Stamm aus über den Jahnatalradweg kröpft. Einige wie Himmelsbalken stark, genug Kraft, um hundert Kinderschaukeln daran festzumachen... Stand ich also, um meinem Bruder, dem Baum einen Gruß zu erbieten. Still natürlich, aber lebhaft im Wunsche auf Begegnungen zwischen den Welten, hob sich die grüne Krone raschelnd zum Gegengruß. Ob hier einer nach oben schaut? Erdlinge Ihr! Datt kam mir so in den Sinn. Vom Baume her? Ja! Weil von oben betrachtet der Mensch sich ziemlich klein ausnimmt, ein elend Wurm... der nicht aufschauen kann. Ich habe  es versucht und bin recht froh darüber, nun aus dieser Perspektive den Blick auf die Weitung, den Kronen im Himmel gewagt zu haben. Alles andere? Nebensächlich. Jetzt hat der Wind die Blätter hochdroben zu Tale geblasen, die Eiche will's lange wissen. Wie kein anderer Laubbaum hält er am Blattwerk fest, denn auch er steht im Winde des Novembers. Im November 2013 sieht "meine Eiche" anders aus, irgendwie traurig. Und doch ist noch immer Leben drin, so, als ob Farbe nicht das Wichtigste wär. Ein Stamm wie ein mächtiges Rückgrat, egal was nun passiert. Ob Eiche, Weide oder Pappel, sie haben Charakter. Aufschauen zu lernen ist also gar nicht schwer, nur aufgepasst auf dem Rade...


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