Bimmelbahn

...pikten Hühner direkt am Gleis"

An die altehrwürdige Bimmelbahn zwischen Lommatzsch und Döbeln werden sich nur die etwas reiferen "Landkreisler" erinnern können. Dass zwischen den beiden Orten eine Schmalspurbahn mit einer Spurweite von 750 mm verkehrte, die außer Zuckerrüben und Wirtschaftsgütern auch Menschen transportierte, darüber gibt seit Ende September Kunde auf einer Schautafel direkt am alten Bahndamm zwischen Gärtitz und der Autobahnbrücke bei Zschaitz.

Aber diese Tafel ist eher nicht der Rede wert: einen komplett aus Holz gefertigten Bahnsteig mit Wartehäuschen, Schaffner und ein Reisender, eine Dampflok mit Abteil, ein Signal und Sitz-Barren für die Quälgeister,- alles filigran aus stämmigen Balken und Brettern gemacht. Eine Attraktion für Kinder und Erwachsene, die ihre Phantasie bewahrt haben. Auf der Durchfahrt sind heute Radfahrer und Fussgänger, die sich nun in Richtung Zschaitz bewegen oder in Gegenrichtung, nach Gärtitz.

Einst Haltestelle im Personenverkehr, markiert heute ein asphaltierter Radweg den Trassenverlauf der Rübenbahn" in Richtung Simselwitz/ Mochau. Wir lesen Erstaunliches auf der Schautafel, so zum Beispiel, dass übers Jahr und in Hochzeiten über hunderttausend Menschen transportiert wurden. Doch schnell änderten sich die Zeiten. Der zunehmende Individualverkehr brachte eine Veränderung der Verkehrsströme hin zu Bus und Bahn, und natürlich dem Privat-PKW.

Die Anbindung des Landes an die Städte über das Gleis brachte aber über viele Jahre Vorteile, zumal riesige Mengen Zuckerrüben nach Oschatz und Döbeln transportiert wurden. Der Wandel vollzog sich schleichend, weg von der Kleinbahn. Für den Bau der Autobahn musste dann doch die Kleinbahn geopfert werden, sie war einfach im Wege. Am 31. Mai 1969 fand die letzte Fahrt der Personenzüge zwischen Gärtitz und Kleinmockritz statt.

Mit Pauken und Trompeten verabschiedeten sich die Menschen von ihrer Bahn. Christine Thier, alteingesessene Döbelnerin, kann sich noch ganz genau an jenen Tag in Simselwitz erinnern: "Es war ein kalter Tag, ich habe richtig gefroren. Wahrscheinlich deswegen, weil es ja auch meine Bahn war, mit der ich jahrelang und fast jeden Tag nach Mochau in die Landwirtschaft gefahren bin. In Mochau, und daran erinnere ich mich ganz genau, pikten die Hühner direkt am Gleis. Und die Züge waren immer voll. In Simselwitz herrschte Hochbetrieb bei der Verabschiedung der Bahn, hunderte Menschen säumten den Bahnsteig, winkten den Eisenbahnern und Fahrgästen zu. Irgendwie war der Tag traurig".

Übrigens: der Autor dieser Zeilen war in Simselwitz mit dabei. Als dreijähriges Kind im Sportwagen... So kam ein altes Eisen an sein Ende. Den Radfahrern wird jetzt auch klar, dass sie wesentlich schneller unterwegs sind, als es die Kleinbahn je zubrachte.

 

Uwe Reinwardt

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