Baumriesen fallen



Die Riesen sind gefallen. Eschen, Eichen und Pappeln werden vom Weg beräumt, Gewährung der Verkehrssicherheit sagt man. Anliegende Kleingärtner und Anwohner in Ostrau begrüßen die "Maßnahme", nur ein kleiner Teil der Leute empörte sich bereits über diese Aktion. "Letztes Jahr kamen hier eine Gruppe Radler vorbei und gut fünf Minuten später fiel ein fetter schwerer Ast von einer Pappel auf den Weg. Da hätte es bestimmt einen erschlagen". Sagte ein Kleingärtner zum Fall der Riesen. Apropos Riesen: Tatsächlich sind die noch stehenden Riesen recht gewaltig, nicht gewalttätig. Von der Pappel ist ja bekannt, dass sie sehr schnell wächst und bei Trockenheit abgestorbene Äste abwirft. Und Zufälle sind rein zufällig in Zahlen zu fassen: Menschen sind bislang bei schweren Stürmen durch Bäume hier offenbar nicht zu Schaden gekommen, wie wohl der Weg bei Wind und Wetter genutzt wird. Eine junge Dame kommt des Weges und harrt der Absperrung. Was hier wohl los sei? Die Kettensäge ist los und hier geht es nicht weiter. Aber sie geht doch jeden Tag hier vorbei! Immerhin gibt es einen Schleichweg, rüber zu Penny. In Richtung Pulsitz stehen Pappeln in Reih und Glied, alle über 60 Jahre alt und mindestens 20 Meter hoch. Einige neigen sich zum Felde hin, fette Äste überragen den Himmel und machen Schatten. Stets nach oben schauen oder einen Stahlhelm aufsetzen? Darüber soll also nachgedacht werden. Die Leute nebenan, dierekt in Pulsitz, wundern sich derweil, warum man hier fast alle Pappeln umlegen will. Krank sind die Bäume nicht. Außerdem gäbe es doch überhaupt keinen Baumkundigen, der fachmännisch oder weibisch entscheiden könne, welcher Baum sein Leben aushauchen soll. Viel mehr steht die Vermutung im Felde, dass ja hier am Jahnatalradweg eine Menge Holz anfallen wird, die der Gemeinde einiges an Geld brächte. Privates Engagement soll mal lieber nicht einbedacht sein, dafür sind die Dinger zu groß.


Baumhain Schloßpark Seerhausen

Wenn die Bäume fallen, und das werden sie, wird das Bild des Weges ein anderes sein, logisch. Wer aber wie ich Freund und Bruder des Baumes ist, wird übermaßen leiden müssen, mitleiden. Wie lang wird es dauern, bis wieder so ein mächtiger Hain in den Himmel gewachsen sein wird? Da wäre noch Wotan, Ihr wisst, wer gemeint ist. Am Baum des Schreckens, des Lebens, eine Esche, hing er wohl neun grausame Nächte. Darauf hoffend, dass es gelänge, doch noch ins Licht zu kommen, trotz des Irrsinns, des Leidens. Einst kamen die Runen zum Vorschein und nur derjenige, der sie anzuwenden weiß, wird ins Licht kommen. Die Bäume der Deuschen, oder sollte man immer noch Teutschen sagen?, fallen vor deren Füße. Zum Hochschauen bleibt keine Zeit mehr, das Zeichen Yggdrasil, der Lebensbaum, ist gefallen und mit ihm das Leben. Damals, als das unselige Kreuz kam und die Kirchen, tat man Gotteshäuser bauen vom Holze des Lebensbaumes. Oder Wohnstuben. Aufzuschauen zum falschen Gott, zum Kreuz, ist dem Deutschen ein Kreuz geworden. Aber wer von denen weiß schon vom Sinn des Lebens, vom Wesen der Ahnen? Denen ist das Kreuz, das Rückrat gebrochen. Aufschauen? Es ist eine Müh geworden und nur wenige können es. Die Riesen vom Jahnatalradweg fallen und mit ihnen fällt die Hofffnung. Und die mit den Kettensägen? Es sind Roboter, längst sind auch sie gefallen. Uwe Reinwardt
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